24 Jun 19
Katja Schurter

Wir wollten von Winnie Byanyima, Geschäftsleiterin von Oxfam International und Expertin für Ungleichheit, wissen, wie Arbeitsbedingungen und Ungleichheit zusammenhängen.

Soziale Ungleichheit ist ein enormes Problem weltweit. Faire Arbeit wird als zentrales Instrument genannt, um sie zu bekämpfen. Wie relevant ist das Thema für Sie?

Sehr! Gute Jobs fallen nicht vom Himmel. Dafür muss das richtige politische, legale und wirtschaftliche Umfeld geschaffen werden. Heute sind 193 Millionen Menschen arbeitslos, und 1,4 Milliarden haben prekäre Arbeitsbedingungen. 40 Prozent aller ArbeiterInnen in Entwicklungsländern leben in extremer Armut. Erhalten sie faire Löhne und soziale Absicherung, so trägt dies entscheidend zur Reduktion der Ungleichheit bei.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um das passende Umfeld für diese Entwicklung zu schaffen?

Am wirkungsvollsten ist es, die Genderungleichheit anzugehen und die Millionen Stunden, die Frauen täglich unbezahlt leisten, gerecht zu verteilen. Heute kontrollieren Männer 86 Prozent der Unternehmen weltweit, während Frauen in die unbezahlte Care-Arbeit abgeschoben werden, die das Fundament unserer Wirtschaften bildet: Kinder betreuen, Wäsche waschen, putzen, kochen, Wasser holen etc. Wäre diese Arbeit bezahlt, würde sie jährlich 10 Billionen Dollar kosten. Sie wird jedoch nicht zum Bruttonationalprodukt gerechnet.

Eine Umverteilung eröffnet grosse ökonomische, politische und Bildungsmöglichkeiten für Frauen. Regierungen müssen Gesundheitsdienste, Bildung und Wasserversorgung sowie bessere Sozialversicherungen mit Pension, Kindergeld und -betreuung zur Verfügung stellen.

Um dies zu bezahlen, müssen die Staaten genügend Steuern einnehmen.

Genau, und hier haben reiche Länder eine Verantwortung: Steuerhinterziehung kostet die Entwicklungsländer 170 Milliarden Dollar pro Jahr. Mindestens 7,6 Billionen Dollar werden gegenwärtig vor den Behörden versteckt. Unternehmen und Superreiche zahlen immer weniger Steuern. Mit einer Steuer von 0,5 Prozent auf das Vermögen des reichsten Prozents könnte jedes Kind, das heute nicht zur Schule geht, ausgebildet und mit medizinischer Versorgung das Leben von drei Millionen Menschen gerettet werden. Solche Steuerinitiativen wären auch wirtschaftlich rentabel, denn Investitionen in Gesundheits- und Pflegedienste schaffen Arbeitsplätze.

Immer mehr Menschen haben keine formelle Anstellung oder drohen ihre Arbeit wegen der Automatisierung zu verlieren. Wie kann ihre Situation verbessert werden?

Zum Beispiel mit einer universellen Arbeitsgarantie, wie sie die Internationale Arbeitsorganisation ILO empfiehlt. Sie würde die Arbeitsrechte und Existenzlöhne schützen und die soziale Sicherheit fördern. Denn Crowd-working-Webseiten und über Apps vermittelte Arbeit schaffen heute digitale TagelöhnerInnen, die an die gänzlich unregulierten Arbeitsbedingungen aus dem 19. Jahrhundert erinnern.

Aber haben wir nicht auch hier eine Verantwortung, uns gegen Ungleichheit einzusetzen?

Natürlich. Die Regierungen sollten Gesetze erlassen, die allen den Zugang zu öffentlich finanzierter und qualitativ hochstehender Bildung ermöglichen, finanziert über eine faire Besteuerung der Reichen. Zudem braucht es Gesetze, die Unternehmen daran hindern, Hungerlöhne zu bezahlen und die Umwelt zu verschmutzen. Das wird nicht von alleine oder durch die Wunderhand des Marktes geschehen. Wählerinnen, Konsumenten und ArbeiterInnen müssen dafür kämpfen. Und diesen Kampf führen Solidar und Oxfam mit ihren PartnerInnen Tag für Tag.

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