29 Mär 19

Social Media erleichtert die Mobilisierung der südafrikanischen TemporärarbeiterInnen im Kampf für ihre Arbeitsrechte.

Text: Ronald Wesso, Mitarbeiter der südafrikanischen Solidar-Partnerorganisation CWAO

Khensani Mukhabele arbeitet in einem Warenlager der führenden südafrikanischen Kosmetik- und Pharma-Ladenkette Clicks. Sie ist eine von 700 über die Temporärarbeitsfirma Adcorp Blu Angestellten, die für unbefristete Verträge und Gleichbehandlung mit Festangestellten kämpfen. Ein Schiedsverfahren ist beim Arbeitsgericht hängig. «Normalerweise benutzen wir WhatsApp nur, um Versammlungen zu organisieren, an denen wir alles besprechen», sagt Mukhabele. «Kürzlich hatten wir jedoch ein Problem: Das Unternehmen wollte, dass wir neue Verträge unterzeichnen. Wir weigerten uns, die ArbeiterInnen, die nicht am Meeting teilgenommen hatten, unterschrieben jedoch. Und schon waren wir gespalten.»

WhatsApp für gemeinsame Aktionen

Nach dieser Erfahrung integrierten sie mehr Informationen in die WhatsApp-Gruppe. «Aber wir müssen vorsichtig sein», ist sich Khensani Mukhabele bewusst. «Es gibt SpionInnen des Managements, die keinen Zugang zu unseren Informationen haben dürfen.» Deshalb wird die Gruppe klein gehalten und durch ArbeitendenvertreterInnen verwaltet. «Der grosse Vorteil der WhatsApp-Gruppe ist, dass darin Angestellte beider bei Clicks aktiven Temporärfirmen – Adcorp Blu und Ziphi Nkomo – vertreten sind. So können wir gemeinsam reagieren.»

Mukhabele und ihre KollegInnen gehören zum Simunye ArbeiterInnen-Forum (SWF), in dem Tausende TemporärarbeiterInnen organisiert sind und das eng mit der Solidar-Partnerorganisation Casual Workers Advice Office (CWAO) zusammenarbeitet. Die ArbeiterInnen nutzen Facebook als Mobilisierungsplattform und schreiben sich auf die SMS-Listen von SWF und CWAO ein, um zu Treffen eingeladen zu werden. Kürzlich war dies besonders hilfreich: Die Arbeitgebern hatten SMS verschickt und gaben vor, CWAO sei der Absender. Weil die SMS auch auf der CWAO-Facebook-Seite veröffentlicht wurden, merkten die ArbeiterInnen jedoch, dass die SMS gefälscht waren.

Facebook für Informationen und Kontakte

«Dank Facebook kann ich die Kämpfe verfolgen», sagt Khongelani Hlungwani, ein ehemaliger Temporärangestellter. Er wurde entlassen, weil er sich während eines Streiks weigerte, seine ArbeitskollegInnen zu verpfeifen. «Hier finden wir Informationen zu neuen Rechten und Kampagnen. Über Facebook bist du schneller informiert als über Fernsehen und Radio – und erfährst auch, was die Leute darüber denken. Während unseres Streiks nutzten wir Facebook, um das Unternehmen anzuprangern. Die ChefInnen ärgerten sich, konnten uns aber nicht stoppen», freut sich Hlungwani. Die Streikenden knüpften Kontakte mit anderen Gruppen von ArbeiterInnen und Community Radios berichteten über die Kämpfe – beides aufgrund von Facebook-Informationen.

Auch die Unternehmen scheinen die Wichtigkeit von Facebook erkannt zu haben: Anfang Dezember startete die dänische Brauerei Heineken einen Versuch, die Facebook-Page von CWAO abzuschalten. Aufgrund des Antrags von Heineken sprach das Oberste Gericht ein Verbot gegen CWAO aus, auf ihrer Facebook-Seite rechtswidrige Handlung zu bewerben. Die aufgeführten Beispiele waren allerdings nur die üblichen, absolut legalen Aktivitäten. Wir werden die Kampagne weiterführen und sehen, ob sie uns wieder anklagen.

Sensibilisierung via Twitter

Inzwischen ist für CWAO auch Twitter wichtig, obwohl es nicht von so viele ArbeiterInnen genutzt wird wie Facebook. «Darüber können wir mit externem Publikum kommunizieren», sagt CWAO-Geschäftsleitungsmitglied Carin Runciman. «In Südafrika ist Twitter vor allem ein Mittelklassemedium, wir nutzen es für allgemeine Sensibilisierung und um die JournalistInnen der Mainstreammedien zu erreichen. Kürzlich haben wir mit Tweets über Arbeitskämpfe bei Kelloggs und dem Süsswarenproduzenten Mr. Sweet 100 000 Leute erreicht.» Das ist per Facebook und WhatsApp nicht möglich. Die persönlichen Geschichten führen weiteren Bevölkerungsschichten vor Augen, welches Ausmass die Ausbeutung von ArbeiterInnen angenommen hat.

Erfolge und Rückschläge

WhatsApp ist für Temporärangestellte inzwischen das wichtigste Medium, um sich zu organisieren. An den meisten Arbeitsstellen gibt es WhatsApp-Gruppen für die vierzehntäglichen SWF-Treffen. Dies bestätigt Sthembile Ntshangase, die sich am Arbeitskampf von mehr als 300 ArbeiterInnen beteiligte, die jahrelang über die Temporärfirma Adcorp Blu beim Schokoladeproduzenten Ferrero angestellt waren. Sie erkämpften eine feste Anstellung. Doch das Unternehmen machten den Erfolg zunichte: Kaum hatte es eingewilligt, die ArbeiterInnen fest anzustellen, begann es auch schon, diese zu entlassen. «Über unsere WhatsApp-Gruppe können Probleme diskutieren, uns gegenseitig informieren und Treffen organisieren», sagt Ntshangase. Doch es gibt auch Schwierigkeiten: «Der Internetzugang ist in Südafrika sehr teuer. Und manche Leute informieren das Management über unsere Diskussionen. Aber die Gruppe hält uns zusammen und wir können so alle erreichen, auch wenn sie entlassen worden sind.»

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