7 Jan 19
Iwan Schauwecker

Li Qiang setzte sich in den 90er-Jahren als junger Arbeiter für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken ein. Im Jahr 2000 floh er in die USA und gründete dort China Labor Watch. Die Organisation mit Sitz in New York hat seither über 100 investigative Recherchen in chinesischen Fabriken durchgeführt, zuletzt die Untersuchung in vier Spielzeugfabriken in Zusammenarbeit mit Solidar Suisse. Wir konnten Li bei der Durchreise in Zürich zu einem Gespräch treffen.

Wie wurden Sie zum Aktivist für Arbeitsrechte?

1991 stellte ich fest, dass die Mitglieder der kommunistischen Partei in den staatlichen Unternehmen viele Vorteile hatten. Die Unternehmen stellten beispielsweise Wohnungen kostenlos zur Verfügung. Allerdings galt dies nur für Beamte und nicht für die regulären Arbeiter. Meine Mutter und ich hatten beide einen spärlichen Lohn und mussten selber für unsere Unterkunft aufkommen. Das empfand ich als grosse Ungerechtigkeit und begann mich dagegen zu wehren.

Waren Sie erfolgreich?

Ich war zumindest so erfolgreich, dass andere ArbeiterInnen mich um Rat gebeten haben. So auch im  Jahr 1997, zu einer Zeit als zahlreiche Unternehmen privatisiert und viele ArbeiterInnen der ehemaligen Staatsbetriebe entlassen wurden. Die Polizei wollte mich wegen meiner Beratungsaktivitäten festnehmen. Ich musste aus der Provinz Sichuan nach Guangdong fliehen und arbeitete wieder in Fabriken: Die Arbeitsbedingungen dort waren schrecklich. Ich erlebte damals 16-Stunden Schichten bei einem Stundenlohn von 1 Yuan (15 Rappen). Und den Schlafsaal musste ich mit 15 anderen Personen teilen.

Warum mussten Sie aus China fliehen?

In Guangdong wollte ich eine Gewerkschaft gründen und die Regierung bekam Wind davon. Im Jahr 2000 gab es Anzeichen dafür, das ich verhaftet würde. Daraufhin bin ich aus China ausgereist und nach New York emigriert. Doch meine Vergangenheit konnte ich nicht hinter mir lassen. In den Läden in meiner neuen Heimat musste ich feststellen, dass die Produkte, vom Turnschuh bis zum Haarspray, sehr häufig aus den Fabriken kamen, deren trauriges Inneres ich kennengelernt hatte.

Und das wollten Sie publik machen?

Ja, ich gründete China Labor Watch (CLW), weil ich den Leuten zeigen wollte, wie es dort aussieht, wo diese Warenwelt ihren Ursprung hat. In der Gründerzeit von CLW konzentrierten wir uns auf die Dokumentation von Streiks in China und veröffentlichten Informationen für JournalistInnen. Einige Jahre später begannen wir auch mit Undercover-Recherchen in den Fabriken. Seither hat CLW weit über 100 Recherchen gemacht: Wir waren im Innern der Fabriken, die für Disney, Walmart, Nike und viele andere globale Konzerne produzieren.

Wie finden Sie die ArbeiterInnen, welche diese Missstände in den Fabriken dokumentieren?

Ab 2005 wurde die Regierung etwas lockerer, und wir begannen mit lokalen NGOs zusammenzuarbeiten. Diese NGOs beraten ArbeiterInnen und verbinden uns mit potentiellen ErmittlerInnen. Danach läuft unsere Kommunikation vor allem über Whatsapp oder Signal – auf diese zwei Messaging-Dienste hat die chinesische Regierung keinen Zugriff.

Aber inzwischen ist das Tauwetter in China wieder vorbei?

Im Jahr 2008 haben wir unser erstes Büro in China eröffnet. Und 2009 berichteten sogar chinesische Medien über unsere Arbeit. Aber ab 2012 haben sich die Dinge geändert: Familienangehörige unserer MitarbeiterInnen wurden von der Polizei befragt und unser Büro in Shenzhen musste schliessen. Und 2017 wurde wegen der Recherche in einer Fabrik, die Ivanka Trump beliefert, erstmals zwei unserer Ermittler verhaftet. Ich selber konnte zwischen 2006 und 2013 wieder nach China einreisen, doch inzwischen traue ich mich nicht mehr.

Gibt es auch Grund zur Hoffnung?

Ich glaube, dass wir in China Zyklen der Repression erleben und dass es in einigen Jahren wieder besser aussehen kann. Auch heute noch können wir ArbeiterInnen beraten und führen Untersuchungen in Fabriken durch. Und die Situation in den Fabriken hat sich, im Vergleich zur Zeit als ich in Guangdong arbeitete, an vielen Orten in China verbessert. Seit 2008 gibt es in China ein neues Arbeitsgesetz und viele Fabriken begrenzen die Arbeitszeit auf 10 Stunden an 6 Tagen pro Woche und die vereinbarten Löhne werden bezahlt. Auch der Einsatz von Giften wurde reduziert und Kinderarbeit ist in China kaum mehr toleriert. Das sind immerhin einige Lichtblicke!

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