8 Nov 18
Iwan Schauwecker

El Salvador ist mit 6,4 Millionen EinwohnerInnen das kleinste Land Mittelamerikas. Inzwischen leben mehr als 3 Millionen ausserhalb des Landes, vor allem in den USA. Felix Gnehm, der Direktor von Solidar Suisse, war letzte Woche vor Ort und sah neben Opfern von Gewalt und  „Flüchtlings-Caravanas“ auch viele hoffnungsvolle Junge.

El Salvador gilt als eines der gefährlichsten Länder weltweit: Ist diese Gewalt auch für Auswärtige sichtbar?

Ja. Ob Laden, Tankstelle, Café oder Bank – alles wird durch schwer bewaffnetes privates Sicherheitspersonal bewacht. Aber sonst machen die Städte und Dörfer oft einen ruhigen, sauberen und schönen Eindruck. Die Dimensionen der Gewalt erahnt man erst, wenn man mit Frauen in vertraulicher Atmosphäre spricht. Körperliche Gewalt ist weit verbreitet und es gibt unvorstellbar viele Vergewaltigungen und Morde an Frauen. Hinzu kommt das strikte Abtreibungsverbot, unter dem auch schwangere Frauen, die vergewaltigt wurden, leiden. Der Besuch einer Anlaufstelle für Opfer von Gewalt führte mir das Ausmass der Gewalt gegen Frauen vor Augen.

Solidar setzt sich in El Salvador insbesondere auch für die Jungen ein – wie machen wir was?

Wir unterstützen Jugendgruppen im ländlichen Raum. Fehlende berufliche Perspektiven sind das eine, der Mangel an Freizeitaktivitäten das andere. Da schaffen wir Abhilfe: Jugendkomitees organisieren kulturelle, sportliche oder musikalische Events. Sie engagieren sich gegen Gewalt und leiten Kurse über sexuelle und reproduktive Gesundheit. Und 240 Jugendliche erlernen dank Solidar neue berufliche Fertigkeiten, junge Fischer beispielsweise die Reparatur von Bootsmotoren. Gemeinsam mit Arbeitsvermittlungsstellen und engagierten Unternehmen unterstützen wir die Jungen auch dabei, einen Arbeitsplatz zu finden.

Sind grosse Flüchtlingsgruppen (Caravanas) ein neues Phänomen oder einfach wegen den US-Wahlen stärker im Fokus der Öffentlichkeit?

Auswanderung aus den ärmsten zentralamerikanischen Ländern ist nichts Neues. Bereits heute leben mehr als 2 Millionen SalvadoranerInnen in den USA. Sie werden vertrieben durch Bandengewalt, Drogenhandel, Korruption, drastische Armut und Naturkatastrophen. Die gegenwärtige  Aufmerksamkeit hat vermutlich aber tatsächlich mit den US-Wahlen, Trump und der neuen medialen Hetze gegen geflüchtete Menschen zu tun.

Was hat Dich auf Deinem Besuch hoffnungsvoll gestimmt? Und welche Perspektive siehst Du für die jungen Menschen in El Salvador?

Hoffnungsvoll stimmen mich die vielen Menschen, die ihr Schicksal selber in die Hände nehmen: Der 22-jährige Luis, der den Bootsmotor in 30 Minuten auseinandernahm und wieder zusammenbaute! Die 19-jährige Wilma, die im neu gegründeten Wasserkomitee von Las Aradas dafür sorgt, dass alle Haushalte für ihren Wasseranschluss bezahlen! Und die politisch rechts stehende junge Gemeinderätin von Las Flores, die sich im Rahmen der weit links stehenden Frauengruppe für Rechte und Mitsprache für Frauen einsetzt. Und dann natürlich unsere lokalen Partnerorganisationen: Sie machen einen hervorragenden Job, der mich mit Stolz erfüllt.

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