16 Aug 18
Lionel Frei

Der neue Präsident Carlo Sommaruga setzt seine Expertise und sein Netzwerk für die Ziele von Solidar Suisse ein – als Anwalt einer Schweiz, die ihre Verantwortung übernimmt in der Globalisierung, von der nicht alle gleich profitieren.

«Als Präsident von Solidar Suisse ist meine Aufgabe auch, den isolationistischen Tendenzen der Schweiz entgegenzutreten.» Carlo Sommarugas Überzeugung basiert auf einer profunden Analyse der globalen Probleme. Für ihn kann es keine Entwicklung der Menschheit geben ohne eine soziale Globalisierung, die Rechtsstaatlichkeit und eine gerechte Verteilung der Ressourcen einschliesst. Sein Kommentar zur aussenpolitischen Situation der Schweiz ist so ernst wie scharfsichtig: «Wir leben in einer besorgniserregenden Zeit. Die Schweiz und die internationale Gemeinschaft haben die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) verabschiedet, die ein nachhaltiges Wachstum für jede und jeden anstreben. Doch die politischen Mehrheiten im Land haben eine utilitaristische Vision der Entwicklungszusammenarbeit und kürzen gleichzeitig ihr Budget.» Sprich, Entwicklungszusammenarbeit soll der schweizerischen Wirtschaft dienen und die Migration nach Europa eindämmen. Der Wahlgenfer ist weit davon entfernt aufzugeben: Seine Worte sind eine Kampfansage.


Ein Leben für die Solidarität

Seit 2003 ist Carlo Sommaruga SP-Nationalrat, er sass in dieser Zeit in verschiedensten Kommissionen, unter anderem der Aussenpolitischen Kommission, und hat ein weitverzweigtes Netzwerk in Bern geknüpft. Durch sein Engagement in Hilfswerken und bei ParlamentarierInnenreisen in fragile Staaten hat er viel Erfahrung in der internationalen Solidarität. «Es ehrt mich, dass ich zum Präsidenten von Solidar Suisse gewählt worden bin. Die sozialistische und gewerkschaftliche DNA der Organisation entspricht meinen persönlichen Überzeugungen. Ich schätze ihren Ansatz, die Rechte der Ärmsten zu verteidigen, damit sie sich selbst ein würdiges Leben aufbauen können», erklärt er seine Affinität für Solidar. «Ich möchte meine Beziehungen zu Abgeordneten und Behörden – insbesondere zur Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza und zum Seco – für Solidar Suisse nutzen.» Zweifellos wird er als Romand zur Stärkung der Verankerung von Solidar Suisse in der französischsprachigen Schweiz beitragen.  


Schiffsjunge bei der Handelsmarine

Was hat zu diesem langjährigen Engagement geführt, das für ihn so selbstverständlich zu sein scheint? Am Anfang stand eine Reise nach Lateinamerika, zu Beginn der 1980er Jahre: «Zwei Wochen nach der Matur ging ich als Schiffsjunge zur Handelsmarine. So reiste ich nach Lateinamerika und entdeckte die Realität des Kontinents von Nord bis Süd: brasilianische Favelas, bolivianische KleinbäuerInnen, afrokolumbianische Marginalisierte, kämpfende Menschen in Nicaragua.» Nach seiner Rückkehr nach Genf begann er sogleich, sich zu engagieren. Zuerst in der Solidaritätsbewegung, später als Präsident von Genève Tiers-Monde, die sich dafür engagiert, dass Genf 0,7 Prozent seines BIP für die Entwicklungszusammenarbeit einsetzt, dann im Vorstand von Swissaid. Neben diesem Engagement studierte er Jus, wurde Anwalt und war als solcher 17 Jahre lang für den MieterInnenverband tätig.


Die Menschenrechte voranbringen

Sein Know-how als Jurist hilft ihm auch bei einer für Solidar zentralen Debatte im Parlament: In der letzten Sitzung der Sommersession hat der Nationalrat einen Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative angenommen. Wird er auch vom Ständerat verabschiedet, werden Schweizer Unternehmen endlich dazu verpflichtet, die Menschenrechte bei Geschäften im Ausland einzuhalten. «Seit Jahrzehnten kämpfen wir gegen die Missbräuche der Multis, und es ist uns gelungen, die Bevölkerung für dieses Problem zu sensibilisieren. Auch Solidar Suisse hat dazu beigetragen. Heute ist eine grosse Mehrheit der SchweizerInnen bereit, Ja dazu zu sagen, dass die Multis die Menschenrechte einhalten müssen. Diese Tatsache hat den Druck auf die opponierenden Wirtschaftskreise so weit erhöht, dass sie einen ersten Kompromiss des Gegenvorschlags mit klarer Mehrheit akzeptiert haben.» Sommaruga macht eine Pause und betont jedes Wort: «Wenn er in Kraft tritt, ist dies ein erster Schritt. Doch wir müssen aufmerksam bleiben, damit die Umsetzung auch die erwünschte Wirkung hat.» Mehrere Jahrzehnte des Kampfs – von Genf nach Bern – zugunsten der Benachteiligten in den Ländern des Südens wie in der Schweiz haben ihn gelehrt, dass nichts jemals definitiv gewonnen ist. Ein Grund mehr, den Kampf weiterzuführen.

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