11 Jul 18

Die Bilanz zur Fussball-WM in Russland ist ernüchternd: Menschen- und Arbeitsrechte wurden missachtet. Statt für ein funktionierendes Sozial- und Gesundheitswesen zu sorgen, hat der russische Staat Milliarden für Stadien ausgegeben, die künftig niemand braucht. Und das Verhalten des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino lässt die Reformbemühungen der letzten zwei Jahre in Rauch aufgehen.

Demokratie mit Füssen getreten

Vor und während der Fifa-Weltmeisterschaft wurden die demokratische Rechte der Russinnen und Russen mit Füssen getreten. Das im Mai 2017 erlassene Präsidialdekret N° 202 schränkte das Recht auf Versammlungsfreiheit an den Austragungsorten vor und während der WM ein. Kundgebungen waren verboten. Der englische LGBT-Aktivist Peter Tatchell wurde gleich zu Beginn der WM in Moskau von der Polizei kurzzeitig festgenommen, als er gegen die Diskriminierung Homosexueller protestierte. Beim WM-Final sorgten die AktivistInnen von Pussyriot mit einer Flitzeraktion dafür, dass die repressive Politik der russischen Regierung wenigstens kurzzeitig thematisiert wird.

Erneut hat eine WM Unsummen verschlungen

Offiziellen Zahlen zufolge war die WM in Russland eine sehr teure Angelegenheit – fast so teuer wie die WM in Brasilien vier Jahre vorher – und die hatte fast 14 Milliarden Schweizer Franken gekostet. Soweit die offiziellen Zahlen. Inoffizielle Schätzungen jedoch gehen von noch höheren Kosten aus. St. Petersburg hat das teuerste Stadion überhaupt, die Kosten pro Sitzplatz sind laut Transparency International doppelt so hoch wie jene der Stadien in Brasilien 2014. An den Bauaufträgen haben sich vor allem regierungstreue Oligarchen bereichert.

Und natürlich gibt es auch in Russland “weisse Elefanten“, das heisst überdimensionierte Stadien ohne Folgenutzung. Geschätzte 6,1 Milliarden Schweizer Franken hat es gekostet, die Fussballstadien in Russland von Kaliningrad bis Jekaterinburg zu errichten oder zu sanieren.

Schlampige Sicherheitsbestimmungen auf den WM-Baustellen

21 tote Bauarbeiter gab es beim Bau der 12 Stadien – diese traurige Bilanz vermeldet die internationale Bau- und Holzarbeitergewerkschaft BWI in ihrem aktuellen Bericht „FIFA’s failures at the 2018 World Cup Russia“. Zum Vergleich: In Südafrika 2010 wurden zwei, in Brasilien 2014 acht Todesfälle verzeichnet. BWI-Generalsekretär Ambet Yuson sagt dazu: “Fifa has clearly failed to show any serious commitment to use its leverage to ensure compliance with international labour standards during the stadium renovation and construction for the 2018 Fifa World Cup Russia.” Das Stadion in St. Petersburg war nicht nur das teuerste, sondern auch das unsicherste in Bezug auf Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit; dort gab es allein 8 Tote.

Ein besonders unrühmliches Kapitel waren die nordkoreanischen Arbeitssklaven, die beim Stadionbau in St. Petersburg eingesetzt wurden und Presseberichten zufolge bis zu 90% ihres Lohnes an den nordkoreanischen Staat abgeben mussten. Auf die von BWI eingebrachten Beschwerden hat die Fifa nur zögerlich reagiert.

Von 2016 bis 2018 kam es zu sieben Streiks wegen schlechter Arbeitsbedingungen auf den Baustellen, unter anderem wegen fehlenden schriftlichen Arbeitsverträgen, der Nicht-Einhaltung von Mindestlohn- und Bonuszahlungen an die Bauarbeiter (vor allem Arbeitsmigranten aus dem Kaukasus)  sowie teilweise monatelangen Verzögerungen bei der Auszahlung der Löhne.

Politik im Windschatten des Fussballfests

Just zum Eröffnungstag der Spiele hat die russische Regierung eine umstrittene Erhöhung des Rentenalters und eine Mehrwertsteuererhöhung verabschiedet. Dahinter steckt klares Kalkül. Denn aufgrund des Präsidialdekrets 202 konnten Gewerkschaften und die Opposition nur in Nicht-WM-Städten dagegen demonstrieren.

Die Fifa verschiesst einen Penalty

Es ist nicht ersichtlich, dass die Fifa ihre Hebelwirkung genutzt hätte, um Russland in Richtung Einhaltung der Menschenrechte zu bewegen. Kein Statement, keine öffentliche Verlautbarung war von der Fifa zu hören, weder zu der Festnahme von LGBT-Aktivist Tatchell noch zu den in russischen Gefängnissen einsitzenden kritischen JournalistInnen und Kulturschaffenden.

Druck der Zivilgesellschaft muss weiter zunehmen

Zum WM-Start Mitte Juni lancierte Solidar Suisse einen Aufruf an Gianni Infantino, die Einhaltung der Menschenrechte mit voller Überzeugung zu verteidigen. Über 3300 Personen schickten den Appell direkt per E-Mail an den Präsidenten. Die Fifa reagierte mit entschiedener Zurückweisung auf den Appell. Gianni Infantino stehe mit der Entwicklung zahlreicher Dokumente sowie der Bildung des Menschenrechts-Beirats für Menschenrechte ein. Dass diese Aktivitäten keine Garantie für die Einhaltung der Menschenrechte und insbesondere der Rechte der Arbeiter auf den Stadionbaustellen sind, zeigt diese erste Bilanz. Die Fifa ist weiterhin auf den Druck der Zivilgesellschaft angewiesen, um bei der Einhaltung der Menschenrechte von der Theorie zur Praxis zu gelangen. Für Solidar Suisse geht der Kampf für faire Weltmeisterschaften damit in die nächste Runde.

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