25 Apr 18
Katja Schurter

Vor drei Jahren bebte in Nepal die Erde in ungekanntem Ausmass. Acht Millionen NepalesInnen – über ein Viertel der Bevölkerung – waren betroffen. Solidar Suisse wurde sogleich im Melamchi-Tal aktiv, wo gar 98 Prozent der Häuser zerstört worden waren. Inzwischen haben wir etwa 500 Häuser wiederaufgebaut. Tek Nath Acharya trägt viel zum Erfolg des Wiederaufbaus bei.

Nach der Arbeit sitzen wir im Melamchi Guesthouse. Wie immer ist Tek Nath mit von der Partie. Seine Familie kann er nur selten besuchen, sie wohnt eine dreitägige Busreise entfernt. Er kommt aus einem kleinen Dorf im Distrikt Rolpa, einer der ärmsten Gegenden Nepals. Natürlich vermisst er seine Frau und seine Söhne von fünf und neun Jahren. Aber man muss dort arbeiten, wo es Arbeit gibt. «What can do», sagt Tek Nath in seinem holprigen Englisch und lacht. «Ich muss meine Familie unterstützen und ich bin froh, so arbeiten zu können, denn meine Erfahrung dient der Gemeinschaft.»

 

Unterstützung gemäss den Bedürfnissen

Wie Tek Naths Heimatregion Rolpa, ist auch Melamchi hügelig. Die Wege zu den Dörfern, in denen Solidar Suisse die Menschen beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 2015 unterstützt, sind steil. Um die abgelegenen Familien zu erreichen, wandert er durchschnittlich zwei Stunden täglich. Seit 2016 ist er für die Social Mobilisers zuständig, die den Kontakt mit der Bevölkerung gewährleisten, sie bei Problemen unterstützen und die Arbeit koordinieren. Genau der richtige Job für den umgänglichen Mann, der auch in Stresssituationen ruhig bleibt und die Armen als seine Universität bezeichnet. Denn diese Position verlangt eine ausgeprägte Fähigkeit zum Zuhören, Empathie und Verhandlungsgeschick. Tek Naths respektvolle Herangehensweise bewährt sich auch im Umgang mit den Social Mobilisers. Er sieht sich weniger als ihr Chef denn als Freund, der sie dabei unterstützt, Prioritäten zu setzen und ihre Ziele zu erreichen – und auch von ihnen lernen kann. Die Arbeit der Social Mobilisers trägt entscheidend dazu bei, dass das Projekt die Sorgen und Nöte der Bedürftigen berücksichtigt. «Wir erreichen die Bedürftigsten und Ärmsten», ist Tek Nath überzeugt. Diese auszuwählen, war nicht einfach in einer Region, wo fast alle arm sind. Um zu entscheiden, wer am dringendsten Unterstützung braucht, wurden die Bedürfnisse jedes einzelnen Haushalts aufgenommen. Wer mit dem Resultat nicht einverstanden war, konnte sich beschweren. «Wir haben 800 Beschwerden überprüft – in direkten Gesprächen, per Telefon und in öffentlichen Diskussionen, an denen die lokalen Autoritäten anwesend waren. 70 Prozent erwiesen sich als unbegründet, bei 30 Prozent haben wir die Auswahl verändert.» Dieses sorgfältige Vorgehen hat viel zur Akzeptanz der Solidar-Arbeit beigetragen.

 

Die richtigen Worte finden

Ausschlaggebend für den Erfolg des Projekts ist auch Tek Nath. Der 42-Jährige mit Master in ländlicher Entwicklung kommt selbst aus einer armen Familie und kennt die entsprechenden Probleme. Daraus zieht er seine Motivation: «Die Situation von Menschen verbessern, die von schrecklichen Entbehrungen und Armut betroffen sind.» Er weiss, wie wichtig es ist, die richtige Sprache und die richtigen Worte zu finden, um unterschiedliche Menschen anzusprechen. Er möchte stets respektvoll und bescheiden sein und «dafür muss ich die Lebensumstände, Glauben und Traditionen der Menschen kennen». Dieses Wissen war von zentraler Bedeutung. Denn er musste die Menschen davon überzeugen, dass nicht lokale Baumaterialien wie Stein, Holz und Schlickmörtel zum Einsturz von 98 Prozent der Häuser in der Region geführt hatten, sondern die Konstruktionsweise, die nicht erdbebensicher war. So fand das Design der neuen Häuser bei den DorfbewohnerInnen zunächst keinen Anklang: «Es brauchte unzählige Dorfversammlungen, um den Leuten verständlich zu machen, dass die Häuser auch dann sicher sind, wenn wie bisher lokale Materialien verwendet werden», erzählt Tek Nath. Doch jetzt sind die Menschen glücklich: «Sie haben diesen Winter ein sicheres Zuhause. Ohne unsere Unterstützung hätten sie vielleicht ihre Häuser nicht wiederaufbauen können.»

Share buttons Views Header Image