30 Jun 17
Katja Schurter

Solidar-Landeskoordinator Tarek Daher spricht im Interview über die Situation der syrischen Geflüchteten im Libanon.

Wie ist die aktuelle Situation der syrischen Geflüchteten im Libanon?

Nach offiziellen Angaben halten sich zurzeit 1,3 Millionen SyrerInnen im Libanon auf. Tatsächlich sind es wohl doppelt so viele. Seit 2015 dürfen die Geflüchteten nicht mehr registriert werden. Syrische Staatsangehörige können zwar legal einreisen, aber nicht arbeiten. Viele tun es trotzdem. Die Männer meist auf dem Bau, die Frauen in der Landwirtschaft, oder sie nähen zuhause. Es gibt kaum Kontrollen und genügend Arbeit – zumindest solange Unterkünfte für die Flüchtlinge gebaut werden müssen. Die Arbeitgebenden beschäftigen gerne SyrerInnen, weil sie billiger sind als LibanesInnen, die auch nur selten in diesen Bereichen arbeiten wollen. Bereits vor dem Krieg arbeiteten mehrere Hunderttausend syrische ArbeitsmigrantInnen zum Beispiel in der arbeitsintensiven Landwirtschaft im Süden und in der Bekaa-Ebene. Inzwischen machen die aus Syrien Geflüchteten 30-40 Prozent der Bevölkerung aus. Das ist eine grosse Belastung des Systems und führt zu noch mehr Korruption. Die Gesellschaft schafft es irgendwie, damit umzugehen, obwohl der Staat nicht funktioniert. Doch soziale Gerechtigkeit gibt es nicht.

Wie unterstützt Solidar Suisse die Geflüchteten?

Solidar Suisse unterstützt die Geflüchteten mit Unterkünften. In einem Zimmer leben in der Regel drei Personen, in einer Wohnung drei bis vier Familien. Mit einem weiteren Projekt unterstützen wir arme syrische Flüchtlingsfamilien mit 175 Dollar Direkthilfe pro Monat. Zum Vergleich: eine libanesische Familie braucht etwa 1500 bis 2000 Dollar. Für die Geflüchteten wird ein Existenzminimum von 550 Dollar angenommen. Um dies zu erreichen, müssen sich die Flüchtlingsfamilien ein Zusatzverdienst erwirtschaften. Auch die Kinder müssen oft arbeiten und gehen nicht zur Schule. Eine «Lost Generation» wächst heran.

Gibt es keine weitere Unterstützung der Internationalen Gemeinschaft?

Das Interesse lässt nach, obwohl sich die Situation in keiner Weise verbessert hat – im Gegenteil, mit der Zeit gehen den Geflüchteten die Ersparnisse aus. Einzig wenn der Krieg in Syrien wieder eskaliert, wie beim Giftgasangriff Anfang April, gibt es im Libanon mehr Unterstützung von Geberländern und SpenderInnen.

Gibt es SyrerInnen, die den Libanon wieder verlassen?

Kaum. Wohin sollen sie auch gehen? Die Bereitschaft, syrische Flüchtlinge aufzunehmen, ist klein – auch in der Schweiz. Die Weiterreise auf eigene Faust übers Mittelmeer ist sehr riskant und für Familien fast unmöglich. Zurück nach Syrien kann nur, wer mit dem Regime gut steht.

Solidar Suisse unterstützt auch das Gemeinwesen. Was läuft in diesem Bereich?

Gemeinden im Südlibanon werden mit Infrastrukturprojekten unterstützt, um der Belastung durch den Bevölkerungszuwachs zu begegnen. Ausserdem werden wir in Zukunft auch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammenarbeiten, um die Kanalisation instand zu stellen.

Interview: Katja Schurter

Foto: Jan Kjær, Better-World.dk

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Solidar Suisse im Libanon

Solidar Suisse renoviert im Süden des Libanons Rohbauten für Flüchtlinge aus Syrien.