8 Jun 17
Lionel Frei

4000 Delegierte treffen sich in diesen Tagen an der jährlich stattfindenden Konferenz der internationalen Arbeitsorganisation ILO in Genf. Als VertreterInnen der Arbeitnehmer, der Arbeitgeber und der Staaten definieren sie gemeinsam die globalen Leitlinien zur Förderung fairer und menschlicher Arbeitsbedingungen. Esther Maurer, Direktorin von Solidar Suisse, ist Mitglied der Schweizer ArbeitnehmerInnen-Delegation.

 

Welche Rolle spielt die ILO bei der weltweiten Förderung von fairer Arbeit?

Esther Maurer: Sie ist zentral - im Rahmen der UNO gibt es keine andere Organisation, die als alleiniges Ziel die Verbesserung der weltweiten Arbeitsbedingungen anstrebt. Dadurch, dass in der ILO Regierungen, ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen gleichberechtigt vertreten sind und jede Entscheidung tripartit zusammengesetzte Gremien durchlaufen muss, sind alle relevanten Stakeholder aus der Arbeitswelt in die Entscheidfindungen eingebunden. Die ILO verhilft damit realistischen, konkreten und pragmatischen Lösungen zum Durchbruch.

Welche Themen werden von den 4000 Delegierten dieses Jahr behandelt?

Dieses Jahr behandelt die Konferenz folgende drei Themenfelder: Beschäftigung und menschenwürdige Arbeit für Frieden, Arbeitsmigration und die ILO Kernarbeitsnormen. Weil zuerst innerhalb der jeweiligen tripartiten Gruppe und danach im Plenum jeder einzelne Paragraph der vorgeschlagenen Texte diskutiert wird, um anschliessend einen Konsens für eine neue Gesetzgebung zu finden, ist der Prozess enorm zeitintensiv. Das heisst auch, dass wir während der Konferenz bis zu 12 Stunden pro Tag arbeiten.

Und wie sieht Deine Arbeit als Delegierte bei der ILO aus?

Ich arbeite in der Schweizer Delegation an der Neufassung der ILO Empfehlung 71, um menschenwürdige Arbeit als Mittel zur Friedensförderung zu stärken. Diese Norm geht ursprünglich auf das Ende des zweiten Weltkrieges und den Wiederaufbau des kriegsversehrten Europas zurück. Die Umstände, die zur damaligen Regelung führten, entsprechen nicht mehr der heutigen Situation: Krisen und Kriege zeichnen sich heute häufig durch andere Aspekte aus: Sie finden nicht mehr unbedingt zwischen den Staaten, sondern vielfach innerhalb eines Nationalstaates statt. Andere sind grenzüberschreitend und führen zu regionalen Krisen. Wir sprechen hier von Hungersnöten oder bewaffneten Konflikten.

Und welche Entscheidungen erhoffst Du Dir innerhalb dieses Gremiums?

Weil Solidar Suisse sich nicht nur für faire Arbeitsbedingungen stark macht, sondern auch in der humanitären Hilfe tätig ist, betrifft diese Empfehlung die Kerngebiete unserer Tätigkeit. In diesem Sinne erhoffe ich mir eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für unsere Arbeit. Ich betone bei den Verhandlungen stets die Wichtigkeit von öffentlichen Dienstleistungen und wir konnten die Verknüpfung mit den Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 erwirken. Besonders wichtig ist mir in der Schlussphase dieser Verhandlung der ganzheitliche Einbezug der Zivilgesellschaft.

ILO