Katja Schurter

Die ehemalige Strassenhändlerin Verónica López engagiert sich für die Rechte ihrer Ex-KollegInnen.

«Nicht die Arbeit auf eigene Rechnung ist informell, sondern die nicaraguanische Wirtschaft», stellt Verónica López fest. Und obwohl in Nicaragua etwa die Hälfte des Bruttoinlandprodukts sogenannt informell erwirtschaftet wird, sei es von Strassenhändlern, Putzpersonal oder Taxifahrerinnen, haben diese ArbeiterInnen keinen guten Ruf. Die 28-jährige alleinerziehende Mutter weiss, wovon sie spricht: Sie ist die Jugendkoordinatorin in der Gewerkschaft CTCP für ArbeiterInnen auf eigene Rechnung. Und sie hat selbst als Strassenhändlerin gearbeitet.

Kein Geld und keine Ahnung

Damit begann Verónica López bereits mit 18 Jahren. Jung schwanger geworden, musste sie die Schule verlassen und zog zu ihrem Freund. Ihre Eltern konnten nicht für sie und ihre Tochter aufkommen. «Ich hatte kein Geld und keine Ahnung», sagt sie rückblickend. Zunächst verkaufte sie Milchreis in Ciudad Sandino, einer Stadt nahe der Hauptstadt Managua. Doch der Verdienst war zu klein. Deshalb ging ihr Freund zum Arbeiten nach Costa Rica. Dort fing er jedoch eine neue Beziehung an und liess Verónica López mit grössten finanziellen Problemen zurück. Auch sie fand eine neue Liebe. Er half ihr dabei, eine Garküche auf einem Markt in Managua zu installieren. Aber die Beziehung war schwierig. «Mein Freund war gewalttätig», erzählt López. «Zum Glück hatte ich mit 19 begonnen, mich bei der CTPC zu engagieren. Die Weiterbildungskurse halfen mir, Selbstvertrauen aufzubauen. Irgendwann begann ich mich zu wehren.» Sie trennte sich von ihrem gewalttätigen Partner und zog zurück zu ihren Eltern. Ihren Stand auf dem Markt liess sie in Managua zurück.

Stets von Vertreibung bedroht

Was sie in den Kursen der CTCP zu Buchhaltung und dem Umgang mit KundInnen gelernt hatte, half ihr, sich wieder eine – prekäre – Existenz aufzubauen «Da ich keine Bewilligung hatte, wurde ich immer wieder vertrieben.» Doch dann kam die Wende. Sie mietete einen Stand an der Universität, wo sie Erfrischungsgetränke verkaufte. Sie setzte sich für ihre Rechte und diejenigen anderer StrassenhändlerInnen ein und übernahm immer mehr Aufgaben in der Gewerkschaft. Heute hat sie eine Führungsposition inne – als eine der Jüngsten und eine von wenigen Frauen. «Dank der Schulung der CTCP begann ich zu glauben, dass ich etwas bewirken kann und habe die Kraft, anderen ArbeiterInnen auf eigene Rechnung zu helfen – vor allem Frauen, die misshandelt wurden und emotionale Unterstützung brauchen», erzählt sie. Um dies noch besser tun zu können, begann sie, Psychologie zu studieren.

Schlechter Ruf

«Viele sehen auf eigene Rechnung Arbeitende als kriminell an», weiss López aus Erfahrung. «Dabei sind wir es, denen die Einkünfte gestohlen werden. Denn die Polizei ist mehr damit beschäftigt, uns zu vertreiben als uns vor Kriminellen zu schützen.» Vertrieben zu werden heisst immer auch, Investitionen und Existenzgrundlage zu verlieren. Und die Arbeit im strömenden Regen oder unter der sengenden Sonne ist hart. Deshalb setzt sich die CTCP für würdige Arbeitsbedingungen und langfristige Bewilligungen ein – Fernziel ist die Integration ins Sozialversicherungssystem.

Erfolgreiche Organisierung

Einen grossen Erfolg erzielte die CTCP an einer zentralen Busstation in Managua. Obwohl es eine grosse Nachfrage für die Dienste der auf eigene Rechnung Arbeitenden gibt, wurden sie immer wieder drangsaliert und vertrieben. Nun haben sie ein verbrieftes Bleiberecht erreicht. Ausserdem wurden sie in die Planung einbezogen und die Stadtverwaltung stellt ihnen Holzkioske zur Verfügung. Als ansprechbare CTCP-Mitglieder sorgen sie dort jetzt auch für mehr Sicherheit, Sauberkeit und KundInnenservice. Verónica López bestärkt diese neue Anerkennung darin, weitere Jugendliche, Frauen und Männer organisieren: «Damit die Bedürfnisse der Arbeitenden bei zukünftigen Projekten berücksichtigt werden.»

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