Ein Essay vom Fatima Moumouni zum Decent Work Day 2020

Ich merke langsam, dass ich alt bin. Ja, die Klimajugend meint mich, wenn sie zynisch fragt: „Oma, was ist ein Schneemann?“ Ich glaube zumindest, ich werde die Oma sein, die ihren Enkelkindern erklären muss, wie das mit dem Geknirsche auf frischem Schnee ist, wie nervig die Zeit war, als man ständig in Schneeballschlachten verwickelt wurde und wie schlimm es ist, wenn man ganz dringend aufs WC muss, aber die Hose nicht aufbekommt, weil die Hände eingefroren sind. Man darf ja dann wahrscheinlich nicht mehr nach Sibirien fliegen, um all das zu demonstrieren. Und das, obwohl ich selbst keine unversehrten Gletscher mehr gesehen habe! Ich werde ihnen, ähnlich wie mein Opa mir damals verschmitzt eine Kette mit Elfenbeinanhänger gezeigt hat – ein längst verbotenes Gut in einer neuen Welt, die alte Werte verschmäht –, erzählen, wie schön fliegen ist. Am Fenster sitzen und sich vorstellen, man könne einfach aussteigen und sich auf die Wolken setzen.

Ich bin alt! Solidar fragt mich nach meiner Sicht auf das Thema System Change und meine Vision für eine Welt mit fairen Arbeitsbedingungen und ich träume davon, wieder mit gutem Gewissen fliegen zu können und ausserdem möchte ich das Honorar für den Text, der selbstverständlich vergütet wird, sofort für Schmuck, Fashion, ein Auto und viel Schokolade raushauen, solange das noch geht! Oh nein. Denn ich glaube nicht an einen Wandel, ohne mit Komfort, Verschwendung und Konsum herunterfahren zu müssen. Und genau das ist das Problem! Ich war auch mal geschockt von dem Film damals von Al Gore über die drohende Klimakatastrophe und von Dokus über Ausbeutung in fernen Ländern. Und als ich herausfand, dass Michael Jordan in einem Jahr mehr verdient als wahrscheinlich alle Fabrikarbeiter*innen (inklusive den Kinderarbeiter*innen) von Nike zusammen, wollte ich keine Jordans-Sneakers mehr. Ich war auch mal die Jugend, für die wir eine bessere Welt wollen. Aber ich bin inzwischen so alt, und Schweiz-gesättigt, dass es mir an Fantasie fehlt für eine bessere Welt. Eine Welt, in der alles gut ist, ausser das, was man dann halt nicht mehr darf. Sind wir überhaupt mehr als das? Letztens wurde ich auf der Instagram-Seite von Public Eye daran erinnert, dass die Arbeitsbedingungen auf Orangenfarmen, zum Beispiel auf denen der Schweizer Louis Dreyfus Company, sehr schlecht sind. Aber wie soll ich ohne Orangen meinen morgendlichen Orangensaft trinken? Zu lang wohne ich schon auf der Welt, in Europa und speziell in der Schweiz. Ich vermute, dass ich gar keinen Massstab dafür habe, was fair und was gerecht ist und wie der Wandel aussehen muss. Ich glaube auch nicht, dass es Sinn macht, diese Frage von dieser Seite der Welt aus zu stellen. Hier weiss man nicht, was fair ist. Diese Leichtigkeit, mit der ich durch die Kolonialwarenabteilung vom Globus schlendern könnte... - Die gewöhnt man sich nicht mit Mantras über die Demokratie und unsere humanitäre Tradition ab. Zu sehr habe ich mich daran gewöhnt, dass es eben Unrecht gibt, insbesondere die ungerechte Verteilung von Reichtum auf der Welt. Ich merke das gar nicht, so bequem ist das! Aber Gerechtigkeit würde ich auf jeden Fall zu spüren bekommen. Ich meine, darf man noch ein iPhone haben in einer Welt, die einen Systemwandel zum Guten durchgemacht hat? Ich weiss nicht mal mehr, wie ich ohne Google Maps von A nach B komme! Ich kann es mir gar nicht leisten, so lang zu warten, bis Fairphones und Computer wirklich hundertprozentig fair hergestellt werden könnten! Ich bin schon jetzt überlebensunfähig in einer minimal weniger komfortablen Welt.

Wie soll die Schweiz aussehen in so einer Welt? Was wäre mit Roger Federer? Wir würden auf jeden Fall sehr viel weniger von Roger Federer mitbekommen: Wenn wir alle Menschen auf der Welt fair für ihre Arbeit bezahlen würden, wäre schlicht und einfach nicht so viel Geld da, um es Federer zu geben, damit er für Schokolade, Textilmarken, Autos und Uhren seinen Kopf in die Kamera hält. Doch keine Angst vor dem Wandel, liebe Schweiz! Ein Mann, der bekannt ist für seinen Kampfgeist und dafür, wie hart er arbeitet, arbeitet ja vielleicht auch für viel weniger Geld. Aber wer interessiert sich für Tennis und Profisport in einer Welt mit fairen Arbeitsbedingungen? Ganz abseits der Frage, ob ein Federer in einer fairen Welt so viel verdienen dürfte, steht die Frage, ob er uns auf die gleiche Art interessieren würde. Würde sich die Welt denn nicht grundlegend ändern? Vielleicht ist es dann ja auch viel interessanter, was die Migrant*innen so machen, die die Stadien bauen. Ich höre schon die Stadionsprecherin: „Schafft sie es, ihre Familie zu ernähren und gleichzeitig ein Dach über dem Kopf zu haben? Wird der Familiennachzug gewährt werden? Yes! Ouuuuuu!! Und da werden die Überstunden ausbezahlt! Jaaaah! Jaaaaah, natürlich! Jaaaah! Einfach eingelocht, der lebenswürdige Arbeitsvertrag! Das ist Weltklasse und irgendwie auch normal!“

Ich glaube also, ich weiss durch meine Stellung in der Welt viel zu wenig, um zu sagen, wie eine bessere Welt aussehen würde. Ich profitiere tagtäglich von Ausbeutung. Und tagtäglich lebe ich in Halbwissen. Halbwissen darüber, wie glücklich die Kühe wirklich waren, deren Milch ich aus Packungen mit glücklichen Kühen darauf trinke – ich weiss nicht einmal, was Glück für eine Kuh bedeutet! Ist es wirklich Gras, Sonne, Berg, wie das immer verkauft wird, oder will eine Kuh eigentlich etwas ganz anderes? Ein E-Bike zum Beispiel, dann müssten wir sagen: „Sorry, aber das geht nicht. Wir sind eigentlich gerade daran zu versuchen, unseren umweltschädlichen Konsum herunterzufahren, wenn jetzt zu all dem Gefurze jeweils noch ein E-Bike kommt, dann geht die Welt definitiv unter!“ Können wir uns glückliche Kühe leisten? Ich verstricke mich auch in Halbwissen darüber, wo die Produkte herkommen, die ich kaufe, und unter welchen Arbeitsbedingungen sie hergestellt wurden. Wobei das vielleicht gar besser ist, als wissentlich Produkte zu kaufen, die Sklaverei-artige und gewaltvolle Arbeitsverhältnisse unterstützen. Naja, was heisst besser: Man konsumiert einfach lustvoller, wenn man nicht immerzu an Kinderarbeit, Niedriglöhne, oder auch Massentierhaltung denkt.

Also nochmal: Welche Güter könnte ich nicht mehr konsumieren, wenn es weltweit faire Arbeitsbedingungen gäbe? Be careful what you wish for! Wer weiss, vielleicht gibt es in dieser Welt, in der alle gut bezahlt werden, ja wirklich auch schlimme Nachteile! Ich meine, wer putzt zum Beispiel, wenn niemand muss? Jetzt zwingen wir ja einfach diejenigen dazu, die keine Alternative haben, weil sie sonst abgeschoben werden oder hungern müssten. Sieht eine perfekte Welt mit fairen Arbeitsbedingungen aus wie eine links-grün-versiffte Wohngemeinschaft, in der niemand putzt? Wer hat ernsthaft Lust, die Haare aus dem Abfluss der Welt zu ziehen? Klar würden mehr Leute auf der Welt freiwillig putzen, wenn sie einfach anständig dafür bezahlt werden würden. Aber die gesellschaftliche Wertung dieser Arbeit muss sich trotzdem auch ändern, sonst sind es immer noch die, denen symbolisiert wird, dass sie weniger wert sind, die die Arbeit verrichten müssen, die weniger wert ist. Auch bei fairen Löhnen fragt man sich irgendwann, warum immer die gleichen das Dixie-Klo entleeren müssen. Nein, in der neuen Welt wird wer sich zum Putzen (also zum Beispiel auch von Industriemüll und Elektroabfall aus europäischen Ländern) opfert, zur Held*in. Und Arbeit in Minen würde ausschliesslich von ein paar verrückten, von Red Bull gesponserten Adrenalinsüchtigen durchgeführt werden. Oder wie? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass sich die Welt unseren Konsum nicht leisten kann. Sie wird nicht satt davon und schon gar nicht glücklich.

Ich war letztes Jahr an einer Veranstaltung, an der ein Baba, der gerade pensioniert worden war, über seine Arbeitskarriere als Gastarbeiter sprach. Er hatte in seinem Leben, in seinen fünfzig Jahren Arbeitserfahrung, nie, nicht ein einziges Mal, krank gemacht. Was nicht heisst, dass er nie krank war. Nur, dass er es sich nicht leisten konnte, daheimzubleiben. Im Publikum wurde geklatscht. Wer ist eigentlich der Inbegriff von Schweizer Pünktlichkeit und Präzision? Die, die es sich wirklich niemals leisten dürfen, unpünktlich und unpräzise zu sein, weil sonst der Job weg ist.
Was wäre eine anständige Bezahlung für Gastarbeiter*innen und ihre Nachkommen? Da trägt jemand so essenziell zum Wohlstand eines Landes bei, soll aber bis in die dritte Generation noch dankbar sein und nicht wählen dürfen. Ich denke an Zugänge: zu gleichen Bildungschancen, Jobangeboten, Führungspositionen. Und gesellschaftliche Akzeptanz als gleichwertig. Auf dem Weg zu einer besseren Welt könnte man Migrantisierte endlich in Ruhe lassen und dafür öfter bei Konsumgütern fragen: Wo kommst du her? Also, ich meine richtig! Und ursprünglich?
Dann würde man auf ganz abscheuliche Geschichten stossen. Gerade bei den Gütern, die wir als besonders schweizerisch wahrnehmen. Wo kommst du her, Schoggi, wo kommst du her, du teure Uhr, und man will es kaum Schreiben, aber es ist ja ein Zürcher Klischee: Wo kommst du her, Koks?

In dieser Welt ist die Schweiz ein Paradies. Richtig schön hier für viele. Schön, dass es so sicher und so sauber und so teuer und so gut ist. Wirklich fair ist das aber nicht, solange Unsicherheit, Abfall und Niedriglöhne einfach ausgelagert werden. Ich glaube, eine Welt, die einen radikalen Systemwandel vornimmt und weltweit faire Arbeitsbedingungen erreicht, wäre eine Welt ohne die Schweiz.
Also ohne unverhältnismässigen Reichtum, übermässigen Konsum und Auslagerung von Drecksarbeit, ohne Profit durch Handel mit Rohstoffen aus armen kriegs- und korruptionsgebeutelten Ländern, ohne Gold aus gefährlichen Minen, ohne unaufgearbeitete Kolonialgeschichte und deren anhaltende Auswirkungen auf die Macht- und Wohlstandsverhältnisse der Welt, ohne teure Schokolade von schlechtbezahlten Kakaoanbauenden, ohne unaufgearbeitete Verdingkindergeschichte, ohne rassistische Bewerbungsverfahren, ohne den Anspruch und Stolz, der einzige Ort auf der Welt zu sein, wo alles gut ist, und und und!

Was ist die Schweiz ohne all das? Ist sie mehr als das? Das gilt es jetzt ehrlich, ohne Halbwahrheiten herauszufinden und anzuträumen. Es springt dabei ganz sicher auch was für uns Ältere heraus. Denn es ist wahrscheinlich eine bessere Welt. Denkt an die Rente! Auch die Altersarmut wäre bekämpft und wir hätten genug Zeit, unseren Enkelkindern vom Schnee zu erzählen, falls es den dann trotzdem nicht mehr gibt!

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