• Gibt es ein Label oder eine Liste für fair produziertes Spielzeug, an die ich mich halten kann?

Leider nicht. Alle existierenden KonsumentInnen-Labels für Spielsachen garantieren Spielzeugsicherheit, Schadstofffreiheit und Umweltverträglichkeit. Keines steht für soziale Verantwortung. Es existieren zwar Zertifikate wie das ICTI Ethical Toys Program oder Standards wie der BSCI von Amfori, die Fabriken überprüfen. Sie garantieren jedoch keine fairen Arbeitsbedingungen vor Ort.

Will man ganz sicher sein, dass das Spielzeug fair produziert wurde bleibt einem nichts andere übrig, als auf ein kleines Sortiment in Fair Trade Läden auszuweichen. Alternativen sind aber auch Second Hand Spielwaren zu kaufen oder im Laden ganz genau nachzuhaken woher das Spielzeug kommt und welche Produktionsbedingungen dort herrschen. Leider wissen die VerkäuferInnen darüber aber oft nicht Bescheid.


  • Wie weiss ich, wer mein Spielzeug produziert hat und wo es produziert wurde?

Erste Informationsquelle ist die Verpackung. Dort ist der Markenname deklariert. Der Herstellungsort ist meist, jedoch nicht immer angegeben. Allerdings sagt auch diese Information per se noch nicht viel über die tatsächlichen Herstellungsbedingungen aus. Da in vielen Ländern gute und schlechte Produktionsbedingungen nebeneinander existieren können. Eine Möglichkeit ist im Geschäft nach zu
haken und Transparenz zu fordern.


  • Sollen kritische KonsumentInnen chinesische Spielzeuge boykottieren?

Ein Boykott eines bestimmten Herkunftslandes verbessert die Arbeitsbedingungen der ArbeiterInnen nicht. Im schlechtesten Fall wandern die Markenfirmen in andere, billigere Länder ab, in denen die Arbeitsbedingungen mindestens ebenso prekär sind. Damit stünden die chinesischen ArbeiterInnen auf der Strasse und erreicht wäre nichts. Das Ziel ist die bestehenden Bedingungen zu verbessern. Der Hebel dazu liegt bei den Markenherstellern. Sie müssen Verantwortung für ihre Lieferkette übernehmen, ihr Geschäftsmodell anpassen und ihren Profit nicht auf Kosten der Arbeitskräfte erwirtschaften. Spielzeug kann nicht immer schneller, billiger und kurzfristiger hergestellt werden ohne negative Folgen für die ArbeiterInnen zu haben. Es ist die Aufgabe der Markenhersteller, nachhaltige und sozial verantwortliche Langzeitverträge mit den Herstellern ihrer Spielwaren einzugehen. Natürlich setzt aber unser Kaufverhalten auch ein wichtiges Zeichen und nachhaltig zu Konsumieren ist daher langfristig entscheidend.


  • Was können wir KonsumentInnen tun?

Leider gibt es dazu keine einfache Antwort. Aber es ist auch nicht so aussichtlos wie es auf den ersten Blick scheint. Hier finden Sie unsere wichtigsten Tipps.


  • Wieviel verdienen chinesische ArbeiterInnen an einem Spielzeug?

Das ist schwierig zu beziffern, da es sehr unterschiedliche Produkte gibt. In unserer Recherche 2018 beispielsweise bekam eine ArbeiterIn, welche das Spielzeug «Disney’s Princess Sing & Sparkle Ariel Doll» mitherstellte nur 1 Rappen pro Puppe, an der sie arbeitete. Derzeit sind die «Disney’s Princess Sing & Sparkle Ariel Doll» bei Amazon für 34.99 US Dollar (35 CHF) erhältlich. Eine Arbeiterin verdiente also nur 31 Promille (0.031%) des Marktwertes, des von ihr produzierten Spielzeugs.

Die ArbeiterInnen verdienen aber de facto nicht an einem Spielzeug. Ihr Lohn setzt sich aus einem Basislohn, der meist dem Mindestlohn der Region entspricht, und einer Vielzahl an Zusätzen zusammen, von denen vor allem die Überstunden den entscheidenden Unterschied machen. Mit exzessiven Überstunden von ca. 100 Stunden pro Monat) kommen die ArbeiterInnen auf einen Lohn, der knapp akzeptabel ist. Ohne die vielen Überstünden könnten sie dagegen nicht menschenwürdig leben.

* Das chinesische Recht erlaubt maximal 36 Überstunden pro Monat


  • Weshalb sind die Löhne in den Fabriken so tief?

Auch die chinesischen Produktionsfabriken erhalten nur ein kleines Stück vom Kuchen. Den Löwenanteil des Profits streichen die Markenunternehmen ein*. Sie diktieren die Vertragsbedingungen, bestimmen die Abnahmepreise und machen die Gewinne.

*Gewinne (Quelle: EBITDA Marketwatch.com)
Mattel 2016: 948 Millionen US$ / 2017: 55 Millionen US$
Hasbro 2016: 952 Millionen US$ / 2017 1 Milliarde US$
Disney 2016: 16.7 Milliarden US$ / 2017 16.6 Milliarden US$


  • Wie hoch ist der Mindestlohn in China und wie unterscheidet er sich von einem Existenzlohn?

Der Mindestlohn ist eine vom jeweiligen Staat festgelegte Untergrenze für Löhne. In China wird der Mindestlohn nach Provinz festgelegt und innerhalb der Provinz nach verschiedenen Klassen, je nach Region*. In Guangdong, der südchinesischen Provinz, in welcher noch immer ein Grossteil der Spielzeugindustrie ansässig ist, liegt er bei maximal 2030 RMB (~290 CHF).
Ein Existenzlohn dagegen ist ein Lohn, der für eine Familie zum Leben reicht. Er muss nicht nur die Kosten für die Ernährung, sondern auch für die Miete, Gesundheitsauslagen, Kleidung, Mobilität und Bildung abdecken. Zudem muss es möglich sein, für unerwartete Ereignisse ein wenig Geld zur Seite zu legen. Entscheidend ist, dass dieser Lohn innerhalb der normalen Wochenarbeitszeit erreicht wird und nicht, wie in der chinesischen Spielwarenindustrie üblich, nur mit exzessiven Überstunden, wenn überhaupt. Kommt dazu, dass es in China (noch) an der Altersvorsorge hapert und die ArbeiterInnen meist noch weitere Familienmitglieder unterstützen müssen. Die Global living wage coalition führte 2015 eine Studie durch, welche die Kosten eines einfachen, aber menschenwürdigen Lebens für eine Familie eruierte: Sie betrug in Shenzen 2818 Renminbi (~400 CHF) für eine Person. Die Lebenserhaltungskosten in Shenzen wurden auf 4261 Renminbi für eine Familie von 3,5 Personen mit 1,78 Arbeitenden festgelegt. Dies ist eine sehr konservative Rechnung. Mit einer anderen Methode und für den Zeitraum 2017 hat Workers Empowerment einen deutlich höheren Betrag für einen angemessenen Lebensstandard berechnet, dennoch schlagen auch sie als Ergebnis ihrer Studie für Guangzhou, eine mit Shenzhen vergleichbare Stadt, einen Mindestlohn von 2970 RMB (~420 CHF) vor.


  • Was sind die schwersten Missstände?

Neben dem tiefen Lohn und den horrenden Überstunden sind der ungenügende Arbeitsschutz, die prekären Lebensumstände und der mangelnde Rechtsschutz der ArbeiterInnen durch eine Arbeitnehmenden-Repräsentation die schwerwiegendsten Probleme.

Fehlende oder qualitativ schlechtw Gesichtsmasken und Handschuhe sind die Regel. Trotz existierender Alternativen wird beim Lackieren, Kleben oder Reinigen nach wie vor in einigen Fabriken der Giftstoff Benzol eingesetzt. Benzol ist hochgradig krebserregend. Das Einatmen der Dämpfe führt häufig zu einer akuten Benzolvergiftung, die Herzrhythmusstörungen oder Atemlähmung auslöst und im Koma enden kann. Chronische Vergiftungen schädigen die inneren Organe und das Knochenmark, was oft akute Leukämie verursacht. Jedes Jahr werden laut Schätzungen 150 000 bis 300 000 Menschen weltweit durch Benzol vergiftet, die meisten davon in China.* Die ungenügend ausbezahlten, gesetzlich vorgeschriebenen Sozialversicherungen sind eine Armutsfalle bei einer Krankheit und/oder einem Unfall. Und nicht zuletzt, haben die ArbeiterInnen keine Möglichkeit sich für ihre Rechte und Bedürfnisse zu wehren, denn eine demokratische Repräsentation der Arbeitnehmenden, welche ihre Rechte und Anliegen gegenüber dem Management vertritt fehlt meist.

*Quelle: Labour Action China, World Health Organisation, offizielle Statistiken in China


  • Ist die prekäre Situation in der Spielwarenindustrie stellvertretend für ganz China?

China ist das Land der Extreme und was für die Spielwarenindustrie gilt, gilt nicht für alle Branchen. In China findet man alles: Von hochindustrialisierten und -technisierten Fabriken bis zu Kleinunternehmen und selbständig arbeitenden Einzelproduzenten. Die Arbeitsbedingungen in der Spielwarenindustrie sind repräsentativ für die Situation in export-orientierten Branchen, welche für multinationale Unternehmen globale Massenware herstellen und auf billige Arbeitskräfte setzen, die dann beispielsweise Textilien, Elektronik oder eben Spielzeuge fertigen.


  • Wer sind die ArbeiterInnen in den chinesischen Fabriken?

Eine grosse Zahl der ArbeiterInnen kommt aus ländlichen Provinzen. In China gibt es über 280 Millionen WanderarbeiterInnen*. WanderarbeiterInnen stellen die Unterschicht in den grossen Küstenmetropolen in China. Auf eine Frau kommen zwei Männer, im Schnitt sind sie 39 Jahre alt und arbeiten für durchschnittlich 3572 Yuan (~515 CHF) im Monat. In Peking, Shanghai und Shenzen putzen sie die Strassen, kochen in Restaurants, ziehen Wolkenkratzer hoch oder arbeiten eben an den Fabrikfliessbändern . Wegen ihres Status als WanderarbeiterInnen (Informationen nächste Frage) werden sie auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert, erhalten keine oder zu wenig Sozialleistungen, haben oft keine gültigen Arbeitsverträge, müssen exzessive Überstunden leisten und sind grossen Gesundheitsrisiken ausgesetzt.

* Quelle: Statista: 170 Millionen ausserhalb der Heimatprovinz, 114 Millionen innerhalb der Heimatprovinz


  • Was sind WanderarbeiterInnen?

In China setzt der Ort der Geburt den Status fest. Das sogenannte Hukou-System koppelt Sozialleistungen wie Pensionen, Zugang zu Unterkunft, Gesundheit und Bildung an den Geburtsort. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas wurden die Migrationsmöglichkeiten gelockert und eine enorme Arbeitsmigrationsbewegung innerhalb Chinas setzte ein. Das Hukou-System blieb aber in Kraft. Praktisch heisst das, WanderarbeiterInnen haben keine vollen Bürgerrechte und erhalten wie illegale Migranten keine Sozialleistungen.

Das Hukou-System soll reformiert werden, um die Gleichstellung für WanderarbeiterInnen zu erreichen. Allerdings ist die Reform lokal sehr unterschiedlich. Die grossen, attraktiven Städte wie Peking, Shanghai und Shenzen machen es WanderarbeiterInnen schwer*. Kleinere Städte, welche weniger entwickelt sind, haben einfachere Immigrationsregeln. Dies geht mit den Zielen der chinesischen Regierung einher, welche die Migrationsströme neu kanalisieren möchte, um die ökonomische Entwicklung dieser Städte zu fördern.

* Ein Punktesystem basierend auf dem Ausbildungsniveau, Steuerrechnung und Arbeitserfahrung der Antragstelleenden


  • Warum sind die Markenhersteller verantwortlich für die Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken?

Das Geschäftsmodell der Markenhersteller fördert die Ausbeutung von ArbeiterInnen in Billiglohnländern. Durch die Auslagerung der Produktion profitieren die Markenunternehmen von den tiefen (Arbeits-)Kosten. Gleichzeitig diktieren sie den Fabriken die Vertragsbedingungen. Mit Kurzzeitverträgen und kurzfristigen Bestellungen erhöhen sie die Planungsunsicherheit und den Zeitdruck auf die Fabriken. So wälzen die Markenhersteller den selbst erzeugten Preisdruck der Branche über den Anspruch möglichst billig einzukaufen auf die chinesische Fabrik ab. Dieser Zeit- und Preisdruck wird dann von den Fabriken mittels tiefen Löhnen und hoher Flexibilität durch exzessive Überstunden aufgefangen und damit direkt an die ArbeiterInnen weitergegeben. Denn die Kosten von Material und Transport bleiben gleich, als „variable Masse“ bleiben die Arbeitskosten: Löhne, Arbeitszeiten, Sozialversicherungen, Arbeitsschutz etc. Entsprechend haben Markenunternehmen mit ihrer Geschäftspolitik einen direkten Einfluss auf die Arbeitsbedingungen und damit auch ihre Verantwortung wahrzunehmen.


  • Was sind globale Lieferketten?

In den späten 1980er Jahren beginnt die moderne Globalisierungswelle. Grenzüberschreitende und weltweite Beziehungen zwischen Ländern, meist Handelsbeziehungen, aber auch Nachrichten, Bevölkerungsbewegungen, Umwelteinflüsse und Tourismus beginnen stark zuzunehmen. Vor allem die internationale Arbeitsteilung schreitet deutlich schneller voran. Streng genommen entwickelte sich die Globalisierung aber bereits vor vielen Jahrhunderten, denn internationale Handelsbeziehung ist kein neues Phänomen. Die Zunahme der globalen Beschaffung ist Ausdruck des technischen Fortschrittes und der modernen Infrastruktur, aber des in den 1990er Jahren einsetzenden Trends einer Spezialisierung der Unternehmen. Sie konzentrierten sich vermehrt auf „Kernkompetenzen“, wie beispielsweise Design, Konzept und Marketing, und lagerten andere Unternehmenszweige, wie die Produktion aus. Das sogenannte Outsourcing von Tätigkeitsfeldern wurde zum gängigen Geschäftsmodell.
Damit entstanden riesige globale Produktions- und Vertriebsnetzwerke, in denen Produkte entwickeln, herstellen, vermarkten, verkaufen und/oder gewartet werden. Je nach Markt, Region oder Vertriebskanal sind sie unterschiedlich zusammengesetzt. Das Feld der Handelspartner explodierte.


  • Wenn die Löhne in China steigen, wandert die Spielzeugindustrie nicht einfach in noch billigere Länder ab?

Die Spielwarenindustrie gleicht zwar der Textilindustrie was die Arbeitsintensität betrifft, ist aber in Bezug auf das Produkt komplexer, da ein Spielzeug sowohl eine Plastikpuppe ein Textilplüschtier, aber auch ein Elektronikroboter sein kann. Fabriken stellen verschiedene Produkte her für die sie diverse Rohstoffe, aber auch vorverarbeitete Produkte benötigen. China bietet dafür eine extrem gute Kombination in der Kapazität von Rohstoffen und vorverarbeiteten Produkten, Infrastruktur und Arbeitskosten an. Denn trotz steigenden Löhnen in den wirtschaftlichen Zentren weist das riesige Land noch immer sehr viele rurale, nicht entwickelte Gebiete auf aus welchen WaderarbeiterInnen in die Fabriken kommen. Daher ist die Spielwarenindustrie zwar teilweise auf Vietnam, Indien und andere Länder ausgewichen, bleibt aber zu einem Grossteil im Moment noch in Südchina präsent.


  • Wie können die Markenunternehmen am effektivsten zu einer Änderung ihrer Geschäftspraktiken bewegt werden?

Grundsätzlich sind es die Staaten die Spielregeln für die Wirtschaft definieren. Leider klafft zwischen den rechtlichen Rahmenbedingungen und der effektiven Durchsetzung in vielen Staaten eine grosse Lücke. China beispielsweise hat ein anständiges Arbeitsgesetz (mit Ausnahme der Vereinigungsfreiheit, die nicht gewährleistet ist), dessen Bestimmungen aber sehr oft nicht eingehalten werden. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Unternehmen nicht nur im eigenen Land, sondern über die ganze Lieferkette arbeits- und menschenrechtliche Mindeststandrads einhalten. Freiwillige Massnahmen – die sogenannte Corporate Social Responsibility – hat in den letzten zwanzig Jahren zu keiner Grundlegenden Verbesserung geführt, daher fordert die Staatengemeinschaft in den UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die im UN-Menschenrechtsrat einstimmig verabschiedet wurden, das Unternehmen eine Sorgfaltsprüfungspflichtig für das gesamte Produktionsnetzwerk haben und auch in den Produktionsländern ihre Verantwortung zur Wahrung der Menschenrechte wahrnehmen müssen.

In der Schweiz wurde dieser Anspruch von über 100 zivilgesellschaftlichen Organisationen mit der Konzernverantwortungsinitiative in den politischen Prozess eingebracht. Im Moment wird im Parlament ein möglicher Gegenvorschlag beraten. Kommt dieser nicht zu Stande kommt die Initiative spätestens 2021 vors Volk.

Solange es keine verbindlichen rechtlichen Regelungen gibt, bleibt öffentlicher Druck auf die Unternehmen der grösste Hebel um internationale Multis zum Handeln zu bewegen. Oft ist es nicht ein Umdenken, sondern die Angst vor einem Reputationsschaden und damit einhergehendem Umsatzverlust, der etwas bewirkt. Dies zeigt auch das Beispiel der Spielwarenbranche. Nach den zwei verheerenden Feuern in zwei Spielwarenfabriken 1993* folgte einem öffentlicher Aufschrei und eine Kampagne, welche die Spielzeugunternehmen dazu brachten zu einem sehr frühen Zeitpunkt bereits, damals noch eher seltene Corporate Social Responsibility-Massnahmen zu ergreifen. Leider versiegten diese Bemühungen, die Situation zu verbessern nachdem die Spielzeugindustrie wieder aus dem Fokus der Aufmerksamkeit verschwand. Bis heute bleibt sie in Punkto Massnahmen selbst hinter anderen Negativbeispielen wie der Kleiderindustrie zurück.

* In der Zhili Toy Factory in Südchina strarben 81 Menschen und in der Kader Toy Factory in Thailand kamen 188 Menschen ums Leben.


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