Klaus Thieme weiss wovon er spricht, wenn von Corona im südlichen Afrika die Rede ist. Er hat einen Master in Public Health, jahrelang in Sambia gelebt und dort Gesundheitsprojekte betreut. Jetzt leitet er die internationale Entwicklungszusammenarbeit von Solidar Suisse. Im Interview erklärt er, wo er die grössten Probleme sieht und welche Prävention und Hilfe er für sinnvoll hält.

Die Corona-Krise hat auch auf die Menschen im globalen Süden schwerwiegende Auswirkungen: Was sind die grössten Probleme in den Projektländern von Solidar Suisse?

Eines der gravierendsten Probleme ist bereits heute die Nahrungsmittelknappheit. Lokale Märkte wurden geschlossen und Lebensmittel werden nicht mehr in entlegene Gebiete geliefert. In Moçambique und Burkina Faso suchen wir deshalb Möglichkeiten, wie wir die lokale Selbstversorgung verbessern und Saatgutverteilungen ermöglichen. Ein weiteres kritisches Thema ist die Hygiene: In unseren Projektländern haben Menschen oft keinen eigenen Wasserzugang, sondern sie nutzen Wasser- und Toilettenanlagen der Gemeinden. In Moçambique und El Salvador sensibilisieren wir die Menschen deshalb noch stärker auf Hygienemassnahmen, um sie vor einer Ansteckung zu schützen.

In welcher Weise unterscheiden sich Möglichkeiten zur Bekämpfung der Pandemie im südlichen Afrika und in Europa: Macht ein Lockdown gleichermassen Sinn?

Die Wirtschaft im ländlichen Afrika ist sehr kleinteilig und auf lokale Märkte angewiesen. Die Wohnverhältnisse sind in der Regel sehr viel enger und die Stroh- oder Lehmhütten werden oft ausschliesslich zum Schlafen genutzt. Das soziale Gefüge ist also überhaupt nicht auf Social Distancing ausgerichtet. Die Menschen müssen auf ihren Feldern arbeiten, auf Märkten ihre Waren kaufen und verkaufen können. Wenn das nicht mehr geht, droht schnell der Hunger. Es ist nicht möglich, die westliche Präventionstechnik des «Social Distancing» einfach zu kopieren. Home-Office ist nur sehr selten eine Möglichkeit – und ohne Kühlschrank kann dort auch kein Wocheneinkauf für die Familie aufbewahrt werden. Reduktion der Interaktionen so weit wie möglich – und Aufklärung und Hygiene verbessern, das sind die einzigen möglichen Ansätze, solange wir keine Behandlungsmöglichkeit haben.

Wie schätzt Du die gesundheitlichen Risiken von COVID 19 im südlichen Afrika ein?

Viele sagen jetzt, dass die Bevölkerung in afrikanischen Ländern eher weniger gefährdet ist als wir, weil das Durchschnittsalter so tief ist. Das stimmt zwar, aber es leben auch sehr viele alte Menschen im südlichen Afrika. Zudem haben viele gesundheitliche Probleme: Malaria, Gelbfieber, Dengue, Hepatitis und HIV. Und Infektionen der unteren Atemwege sind weit verbreitet, einerseits, weil die Staubbelastung sehr hoch ist, andererseits weil viele auf offenem Feuer kochen. Russ und Rauch gehen direkt in die Lunge und schädigen sie nachhaltig. Auch jüngere Menschen in Ländern wie Moçambique oder Südafrika haben also durchaus ein Risiko, schwer an diesem neuartigen Virus zu erkranken.

Und wie sieht die öffentliche Gesundheitsversorgung aus?

Die Gesundheitssysteme im südlichen Afrika sind überlastet, schlecht ausgestattet, es fehlt an einfachsten Medikamenten und vor allem an Personal! In Moçambique kommt eine ÄrztIn auf 13'000 Menschen (in der Schweiz sind es 238), gibt es ein Krankenhausbett für 1'500 Menschen (in der Schweiz 212), und eine Pflegekraft auf 2’500 Menschen (in der Schweiz 58). Zudem herrscht extreme Ungleichheit: Die privaten Krankenhäuser sind zwar meist mit Personal, Geräten und Material ausgestattet und bieten einen exzellenten Service, aber das können sich nur die Reichsten im Land leisten.

Die Corona-Krise ist, wie Du sagst, auch eine Ungleichheits-Krise. In den Ländern des globalen Südens hat das schnell existenzielle Auswirkungen. Was bedeutet dies für einfache ArbeiterInnen?

Im globalen Süden arbeiten 90% der Menschen ohne soziale Absicherung, vielfach auf eigene Rechnung. Viele dieser ArbeiterInnen haben ihr tägliches Einkommen verloren und keine Ersparnisse. Sie brauchen so schnell wie mögliche finanzielle Hilfe durch die Staaten. Doch dies ist weder finanziell noch organisatorisch einfach. In El Salvador beispielsweise stehen Menschen in diesen Tagen stundenlang an, um an solche neuartigen Hilfeleistungen zu gelangen.

In Ländern wie Kambodscha und Bangladesch, wo ein Grossteil unserer Kleider produziert werden, stornieren die globalen Modekonzerne alle ihre Aufträge, manche Fabrik wird geschlossen. Wir arbeiten dort mit den lokalen Gewerkschaften zusammen und setzen uns gegen Entlassungen und Lohnkürzungen ein. FabrikarbeiterInnen, StrassenhändlerInnen, ArbeitsmigrantInnen und weitere prekär Beschäftigte müssen vor den Verheerungen des Corona-Crashs geschützt werden. Dafür kämpfen wir in den nächsten Monaten mit aller Kraft.

Klaus Thieme leitet seit 2018 die internationale Entwicklungszusammenarbeit von Solidar Suisse. Zuvor lebte er sechs Jahre in Sambia, wo er für das Luzerner Hilfswerk SolidarMed unter anderem eine Wohngenossenschaft für Gesundheitspersonal aufbaute. Nach seinem Studium der Sozialpädagogik arbeitete Klaus Thieme mit Heroinsüchtigen in Bayern, promovierte in den Pflegewissenschaften und komplettierte sein Wissen mit einem Master in öffentlicher Gesundheitsvorsorge.

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